Projektionen und Konstrukte im Zusammenhang mit Juliane Nagel

Aufgrund der Sichtbarkeit der zivilgesellschaftlichen antifaschistischen Aktivität von Juliane Nagel schlägt ihr von vielen Seiten ein ausgesprochener Hass entgehen. Das Weltbild der eingeschüchterten Spießbürger*innen lässt sich nur mit Hilfe von Feind-Projektionen aufrechterhalten. Ebenso greifen gewaltbereite aggressive Nazis die Landespolitikerin als negative Symbolfigur für ihre hasserfüllte Mobilisierung gegen Einwanderer*innen, Linke und Liberale auf.

Stereotype: „Kosmopolitin“ und „Gewalttäterin“

Dabei scheint sich ein unausgesprochenes Bündnis konstituiert zu haben: Nazis, AfD und „Patrioten“ zielen unter anderem auf Juliane Nagels „Kosmopolitismus.“

Eine bedeutende Gruppe von sächsischen CDU-Politiker*innen und jene sächsischen Jornalist*innen, die auf eine kleinbürgerliche Klientel zielen, konstruieren gemeinsam mit den von ihnen zum Teil hofierten Ultrarechten das Bild einer Gewalttäterin. Die von ihnen betriebene, in der Konsequenz antidemokratische politische Propaganda, bleibt nicht folgenlos. Sie dient mittelbar dazu, rechte Gewalt zu verharmlosen und nicht zuletzt Gewaltandrohungen gegen Juliane Nagel zu rechtfertigen.

Sexistische Abwertungen und Zuschreibungen

Bestimmte Aspekte der Stereotypisierung lassen sich plausibel als sexistisch (geschlechtsgebunden abwertend, frauenfeindlich) deuten. Der Umstand, dass eine Frau einen Anspruch auf eine selbstbestimmt definierte Machtposition (als zivilgesellschaftlich ermöglichende Landespolitikerin) erhebt, berührt das patriarchale Weltordnungsverständnis von einzelnen sächsischen medialen und institutionellen Akteur*innen. Dies lässt sich an Äußerungen und Handlungen ablesen, die in dieser Form Männern gegenüber nicht entgegengebracht werden. Beispiele sind hier wiederholte Fokussierung auf Äußerlichkeiten, Versuche einer intellektuellen Abwertung, Verweigerung von allgemein üblichen Respektsgesten in der Kommunikation aber auch regelrechte Mystifizierungen, die die althergebrachte Vorstellung von „der bösen Frau“ aufleben lassen.

Wirkungen von rassistischen und nationalistischen Ideologemen in den Behörden

Auch Teile der Polizei scheinen diese politisch-demagogisch aber auch psychologisch tiefer begründbaren Feindbildprojektionen mit der Realität zu verwechseln. Hinzu kommt in verstärkter Weise im Falle der sächsischen Polizei die leider unzweifelhafte Präsenz nationalistischer, rassistischer, sexistischer und generell antidemokratischer Positionen in den eigenen Reihen. Die Sichtbarmachung, dass Zutage treten der modernen liberalen Zivilgesellschaft und eines jugendlichen antifaschistischen Aktivismus erzeugt hier Spannungen, die angesichts eines deutlich erkennbaren Defizits an elementarer demokratischer politischer Bildung und dem interinstitutionellem Reformstau nicht verwundern dürfen. Eine Sichtung bestimmter polizeilich und behördlich konnotierter Anzeigen gegen Juliane Nagel ist hier nur ein Beispiel für eine viel weitergehende und in letzter Konsequenz für eine liberale Demokratie hochgradig gefährliche Problemlage.

Verschwörungskonstrukte

Ein nicht zu unterschätzter Umstand besteht darin, dass vor allem die Polizei aber auch andere Behörden eine hierarchisch strukturierte Organisation darstellen. Aber auch bei einige Akteur*innen der Medienwelt fehlt die Kenntnis zeitgenössischer zivilgesellschaftlicher und aktivistischer Methodiken, die Selbstorganisation, Netzwerkförmigkeit und Projektorientierung charakterisiert, und zumindest eine Hierarchiereduzierung anstreben. Dem gegenüber betrachtet es Juliane Nagel als wichtige Aufgabe linker (und jeder demokratischer) Politik immer wieder die Artikulation von zivilgesellschaftlichem Protest zu ermöglichen. In diesem Fall geht es explizit um ein modernes demokratische Politikverständnis, dass Bürger*innen nicht nur als Wahlvolk sondern als politisch handelnde Akteur*innen wahrnimmt und Praktiken der politischen Teilhabe befördern will. Dies erfordert eine umfassende Kommunikation, die aber nichts mit der absurden Unterstellung der hintergründigen Steuerung von antifaschistischen Aktivitäten zu tun hat. Nichts zu tun hat eine solche breite Netzwerkpflege mit vielen unterschiedlichsten Initiativen mit Gewalttätigkeiten gegen Sachwerte, die einzelne kleinen Gruppen als angemessenes Protestmittel ansehen.